logo_gaybrandenburg

Das vermutlich schwulste Parlament der Welt

Über elf Jahre sind vergangen, seit sich im Jahr 2001 der Spitzenkandidat der SPD für die vorgezogenen Neuwahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus als schwul outete. Mit dem Satz „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ kam Klaus Wowereit damals der sich abzeichnenden Thematisierung seines Liebeslebens durch den politischen Gegner und die Medien zuvor. Er nimmt heute, allen früheren Bedenkenträgern zum Trotz, seine inzwischen dritte Amtszeit als Regierender Bürgermeister wahr. Heute stellt sich die Situation in der Stadt ganz anders dar. Schaut man sich die höchsten Ämter in den fünf Parteien an, die derzeit im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten sind, zeichnet sich eine zunehmende schwullesbische Dominanz ab.

So haben die Grünen mit Daniel Wesener, die SPD mit Jan Stöß und die Linken mit Klaus Lederer allesamt schwule Landesvorsitzende. Da der Vorsitz der Piraten nach einem Rücktritt seit Monaten unbesetzt und die FDP nicht mehr im Parlament vertreten ist, bleibt somit die CDU als einzige Partei, die mit Frank Henkel noch einen Heterosexuellen an der Spitze stellt. Im Amt des Fraktionsvorsitzenden wiederum haben die Piraten mit Andreas Baum einen schwulen Chef und die Grünen-Fraktion wird mit Ramona Pop durch eine Frau repräsentiert, die noch im Jahr 2004 als lesben- und schwulenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion in Erscheinung trat. Zu ihrer sexuellen Orientierung aber bisher lediglich bekannt geben wollte, dass sie – Zitat – „ledig, aber in festen Händen sei“, wie aus einem „B.Z.“-Interview hervorgeht. Vergangene Woche – am 13. August – eroberte schließlich mit Kirstin Fussan-Feese eine Lesbe das Amt der SPD-Landesgeschäftsführerin, die zuvor bereits jahrelang die Arbeitsgemeinschaft der Schwulen und Lesben in der SPD – kurz „Schwusos“ – geführt hatte. Die Linken wiederum hatten mit Carsten Schatz und die Grünen mit André Stephan bis letztes Jahr ebenfalls queere Landesgeschäftsführer. Wobei Carsten Schatz zudem der erste bekannte Politiker Deutschlands war, der offen zu seiner HIV-Infektion stand. [Martin Bach]