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Endstation Zuchthaus

[Brandenburg/Havel] Im April 2010 wurde auch in Brandenburg an der Havel erstmals öffentlich an die homosexuellen Verfolgten des NS-Regimes erinnert. Im Rahmen des dezentralen Gedenkens 65 Jahre nach Kriegsende wurde an sechs Epizentren nationalsozialistischen Terrors in ganz Brandenburg getrauert, geschwiegen, und der Opfer gedacht. Der LSVD organisierte dabei jeweils queere Unterveranstaltungen mit Redebeiträgen und Schweigeminuten. Abseits der bekanntesten brandenburgischen Konzentrationslager, Sachsenhausen und Ravensbrück, wurde so erstmals einer breiteren Öffentlichkeit auch das Leid schwuler Männer im Zuchthaus Brandenburg-Görden bekannt. Die zwischen 1927 und 1935 errichtete

Strafanstalt galt als sicherster und modernster Haftkomplex Europas. Sie ersetzte ab 1931 das alte Zuchthaus an der Neuendorfer Straße, das seit 1820 als preußische Strafanstalt genutzt wurde und wegen katastrophaler hygienischer Zustände geschlossen wurde, bevor die Nazis es 1933 als eines ihrer ersten Konzentrationslager für ein halbes Jahr erneut in Betrieb nahmen. Ab 1939 wurde es schließlich im Rahmen des Euthanasie-Programms in eine Tötungsanstalt für kranke Menschen umfunktioniert, in der im Jahr 1940 nahezu 10.000 geistig Behinderte und psychisch Kranke in der Gaskammer ums Leben kamen, darunter auch Kinder. Doch zurück zum neuen Zuchthaus. Obwohl es auf maximal 1.800 Häftlinge ausgelegt war, wurden dort zeitweise bis zu 4.300 Menschen gefangen gehalten, die meisten davon politische Häftlinge, darunter in den Kriegsjahren zumeist militärische Gefangene aus den besetzten Gebieten. Zwischen 1940 und 1945 wurden ca. 1.700 Menschen hingerichtet und etwa 650 durch Krankheiten dahingerafft, sieben begingen Selbstmord. Hinrichtungen von Männern aufgrund ihrer Homosexualität sind für Brandenburg-Görden heute in mindestens acht Fällen bekannt, ein weiterer Schwuler fiel aufgrund seiner Aktivitäten in einer Widerstandszelle dem Fallbeil zum Opfer. [Martin Bach]