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Bruderküsse nur für Heteros?

- Berlinale-Film durchleuchtet schwules Leben zu DDR-Zeiten -

[Berlin] Gestern gingen die 62. Internationalen Filmfestspiel Berlin ("Berlinale") zuende und auch queere Filme waren traditionell dabei. Besonders ein Vertreter zeigt dabei, dass in Ostdeutschland bedeutende schwule Film-Premieren offenbar stets mit weltpolitisch wichtigen Ereignissen einher gehen (*zwinker*):
Berlin, 09.11.1989, "Kino International": Erstaufführung des ersten schwulen Films der DDR, "Coming Out". Gleichzeit gehen zum Mauerfall in der gesamten DDR tausende Menschen auf die Straßen, um die Öffnung der innerdeutschen Grenze zu feiern.

Berlin, 13.02.2012, "Kino International": Premiere des Films "Unter Männern - Schwul in der DDR" auf der "Berlinale". Gleichzeitig blocken in Dresden Tausende den lange Zeit größten Neonazi-Aufmarsch Europas anlässlich der Bombardierung der Stadt 1945.

Der in der 2012er "Berlinale"-Sektion "Panorama" uraufgeführte Film "Unter Männern - Schwul in der DDR" des Berliner Regisseurs Ringo Rösener porträtiert sechs Männer, die die zumeist widrigen Möglichkeiten, ihr Schwulsein in dem 1990 untergegangenen sozialistischen Staat auszuleben, schildern. Darunter auch der heutige Bürgermeister der Ortschaft Bismark in Sachsen-Anhalt, Eduard Stapel, der zu DDR-Zeiten mit dem SVD (Schwulenverband in der DDR) - dem Vorläufer des heutigen LSVD - das erste landesweite Schwulen-Netzwerk gründete. Zwar endete in der DDR eine Strafverfolgung schwuler Männer durch die faktische Außerkraftsetzung des "Schwulen-Paragrafen" 175 im Jahr 1957 - während die BRD noch bis 1969 an ihm festhielt, und zwar an dessen verschärfter Fassung aus der Nazi-Zeit. Trotzdem blieb der gesellschaftliche Druck im Osten bestehen. Eine Szene existierte bis zur Wende nur im Verborgenen, Vereinigungen wurden verboten und zersetzt, Schein-Ehen und lebenslanges Versteckspiel waren an der Tagesordnung. 1988 strich die DDR zudem in Fragen des höheren Schutzalters für gleichgeschlechtlichen Sex mit Jugendlichen die letzte gegen Homosexualität gerichtete Sondergesetzgebung, was in der BRD erst 1994 im Zuge der innerdeutschen Rechtsangleichung geschah, einschließlich der endgültigen Abschaffung des § 175. Doch berichteten Zeitzeugen stets, dass Homosexualität gesellschaftlich bis zuletzt tabuisiert gewesen sei, als westlich-dekadenter Lebensstil wohlhabender Gesellschaftsschichten erachtet wurde und sogar als Liebhaber getarnte Stasi-Spitzel - sogenannte "Romeos" - gezielt auf Aktivisten der Homosexuellen-Szene angesetzt wurden, die sich seit Ende der 1980er-Jahre allmählich unter dem Dach der Evangelischen Kirche bildete. Der Film kommt demnächst in die Kinos, ein genauer Starttermin steht noch nicht fest. _Martin Bach/ GayBrandenburg De