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Wichtig wären Aufklärungsteams

“Wichtig wären Aufklärungsteams”

Jirka Witschak, Organisator des Christopher Street Day (CSD), über Defizite im Sexualkundeunterricht

Gestern wurde am Stadthaus die CSD-Flagge gehisst. Am Rande der Veranstaltung, die zu Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen aufruft., erzählte Jirka Witschak von “Katte e.V.” gegenüber MAZ-Mitarbeiterin Ildiko Röd über die Aktionen zum CSD und persönliche Veränderungen.
MAZ: Herr Witschak, was ist passiert? Wo sind ihre beiden “Teufelshörnchen”, die aufgezwirbelten roten Haarspitzen, die ihr Markenzeichen waren?
Jirka Witschak: Neuer Lebensabschnitt - neue Grisur. Ich habe mich ja aus der Miieugaststätte “Leander” im Holländischen Viertel komplett zurückgezogen. Jetzt widme ich mich dem “Katte e.V.” (Kommunale Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Brandenburg), der unter anderem Einstiegsqualifizierungen für arbeitslose schwule Jugendliche anbietet. Mein zweites großes projekt ist die Vorbereitung des Potsdamer “Christopher Street Day”. Derzeit bin ich schon am CSD 2013 dran.
Früher war der CSD nur eine Tagesveranstaltung; mittlerweile wächst er in die Breite. Bis wann gehen die CSD-Events diesmal?
Witschak: Bis nächsten Sonntag sind Aktionen geplant. Einer der Höhepunkte: das “CSD connecting Potsdam” -Fest am Sonnabend von 10 bis 19 Uhr am Brandenburger Tor mit Info-Ständen und Talkbühne. Am Schluss tritt “Coco Lores” auf: lesbische hausfrauenmusik mit Mikrophon und Gitarre.Während der Woche gibt es Seminare. etwa zu Online-Prävention. Wir möchten besonders den älteren Mitarbeitern in HIV _ Aids-Beratungsstellen die Schwellenangst vor der beratung via Facebook nehmen.
Die CSD-Ausstellung im Stadthaus trägt den Titel “Walk with pride”; also “Gehe mit Stolz”. Mit wieviel Stolz können heutzutage die Potsdamer Homosexuellen gehen?
Witschak: Mit sehr viel Stolz. gerade die Ereignisse um den Erhalt des “Leander” im letzten Jahr hat das gezeigt. Quer durch alle Fraktionen im Rathaus hies es: “Wenn das Leander weg wäre, würde unserer Stadt was fehlen.” Dieser Satz wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen.
Also alles Friede und Freude für alle, die schwul, lesbisch oder bi lieben?
Witschak: Das ist eine spannende Frage. Die eine Seite ist die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Die andere Seite sind die Vorurteile, die es noch gibt. Ganz oft hören wir Geschichten von jugendlichen, die sich geoutet haben und danach auf dem Schulhof wüst beschimpft wurden. “Schwuchtel” ist da noch ein, freundlicher Ausdruck.
Eigentlich würde man ja annehmen, dass gerade Jugendliche offen und tolerant sind.
Witschak: Ganz wichtig wäre die Aufklärungsbereitschaft unter den Lehrern. Leider trauen sich viele nicht, über Homosexualität zu sprechen. Aufklärungsunterricht über gleichgeschlechtliche Lebensweisen ist ja ein freiwilliger Lehrstoff. Deshalb plädieren wir auch für andere Wege: Für mehr Aufklärungsteams, die vom Bildungsministerium finanziert werden und in die Schulen gehen. Es ist einfach etwas anderes, wenn Schüler einen Schwulen direkt vor sich haben und nicht nur die Klischees aus dem Fernsehen kennenlernen. 
Am Wochenende wurde die Eröffnung des Louise-Henriet-ten-Stifts in der Benkertstraße 1 gefeiert, wo auch das “Leander”redisiert. Das Stift beherbergt nun ein schwul-lesbi-sches Wohnprojekt. Gibt es noch zusätzliche Pläne?
Witschak: Ja, ab Mai oder Juni wird im Stift außerdem das “Rat und Tat”-Zentrum eröffnet, wo wir Beratung und Selbsthilfe anbietenfür Suchtkranke, Coming Out und Transsexuelle.
Beim Thema Sucht gibt es doch auch andere Angebote in der Stadt. Ist so ein Angebot, das sich explizit an schwule Männer richtet, nicht eine freiwillige Selbstausgrenzung?
Witschak: Es ist ja eine Tatsache, dass unsere Lebensrealität eine andere ist als die der alkoholabhängigen Hausfrau.
Ein Jahr lang haben Sie den CSD2012 vorbereitet. Auf welches Highlight freuen Sie sich jetzt ganz besonders?
Witschak: Aus die Ausstellung “ANDERSRUMportrait” im Landtag, die Donnerstag um 12:30 Uhr eröffnet wird. Die Hamburger Fotografin Alexa Seewald bildet jene Menschen, die man gern als “andersrum”bezeichnet, einfach von hinten ab und ironisiert so das Schubladendenken.

Quelle: MAZ 24.04.2012