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Ein Pudel gerät in Schwulitäten

[Löwenberger Land, Ortsteil Liebenberg] „Sie müssen von mir als dressierter Pudel vorgeführt werden! - Das ist ein ‚Schlager‘ wie kein anderer. Bedenken Sie: hinten geschoren (Tricot), vorn langer Behang aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten unter dem echten Pudelschwanz eine markierte Darmöffnung und, sobald Sie ‚schön machen‘, vorne ein Feigenblatt. Denken Sie wie herrlich, wenn Sie bellen, zur Musik heulen, eine Pistole abschießen oder andere Mätzchen machen. Das ist einfach großartig! [...] Ich sehe bereits S[eine] M[ajestät] lachen wie wir.“ Auf Schloss Liebenberg ging es feucht-fröhlich und dekadent zur Sache, wie wir unter anderem dieser Korrespondenz zweier Mitglieder der „Liebenberger

Tafelrunde“ entnehmen können. Die reine Männerrunde um den engsten Freund des deutschen Kaisers, Philipp Fürst zu Eulenburg, galt als Ort politischer Einflussnahme auf Wilhelm II., der hier von 1886 bis 1907 gerne seine Freizeit verbrachte. Das Anwesen ist heute u. a. ein Hotel. Die Gesellschaft war von einem homoerotischen Grundgefühl bestimmt, die Homosexualität einiger ihrer Mitglieder gilt heute als erwiesen. Sein Ende fand das illustre Treiben nach dem Eulenburg-Prozess im Jahr 1907, bei dem die Homosexualität des Schlossherrn und weiterer beteiligter Personen zum Politikum gemacht wurde und monatelang die Schlagzeilen der internationalen Presse beherrschte, was das Ansehen des deutschen Hochadels und die homosexuelle Emanzipationsbewegung erheblich beschädigte. Die Pressekampagne führte zu mehreren Gerichtsprozessen wegen Verleumdung zwischen Kuno von Moltke und dem Publizisten Maximilian Harden sowie einer Meineidsklage gegen Fürst zu Eulenburg, der sein Schwulsein vor Gericht zwar bestritten hatte, dem aber von seinen Gegnern verweichlichende Einflussnahme auf die militärische Außenpolitik des Deutschen Reichs, sexuelle Perversion sowie die Bildung eines mächtigen geheimen Kreises um das Staatsoberhaupt vorgeworfen wurde. [Martin Bach]