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Verbote statt Tote?

Gerade erst lief in Deutschland der serbische Erfolgsfilm „Parada“ an, einer der publikumsstärksten Filme überhaupt in den Nachfolge-Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Das besondere: der Film behandelt das dort politisch extrem brisante Thema der Homo-Rechte. Auf hintergründig-kluge Art in einen auch jenseits dort wenig geachteter Minderheitenrechte gesamt-gesellschaftlich beachteten Kontext eingebettet erzählt das Werk die

Schwierigkeiten, einen CSD in Belgrad zu organisieren. Gegen die Widerstände einer feindselig gestimmten Bevölkerungsmehrheit, innerhalb eines kriegszerrissenen Landes, deren Wirtschaft am Boden liegt und deren Bevölkerung zu großen Teilen Geld und berufliche Perspektiven fehlen. Gegen die Angriffe und Anfeindungen von Faschisten und Hooligans. Und gegen die Hetzreden hochrangiger Vertreter der einflussreichen serbisch-orthodoxen Kirche. Und ohne Schutz und Unterstützung durch die Polizei, die Medien und die Politik. Dieser Film, der auf dem West-Balkan bereits im letzten Jahr zu sehen war und 2012 auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, hatte einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel geschaffen – so hoffte man zumindest. Denn nach insgesamt fünf Versuchen, seit 2001 einen Belgrad Pride durchzuführen, sieht die Bilanz bislang ernüchternd aus. 2001 und 2010 versank der CSD in Gewalt, bei letzterem nahmen rechtsradikale Gruppen sogar die halbe Innenstadt auseinander. 2004 sagten die Veranstalter ihn nach massiven Drohungen selbst ab, da die Polizei erneut ihren Schutz verweigerte. Und 2009 sowie 2011 wurde dem CSD wiederum durch die Behörden ein Riegel vorgeschoben, da für die Sicherheit der Teilnehmer nicht garantiert werden könne. Die Organisatoren beklagten jeweils das Einknicken der Staatsmacht vor den Hooligans und auch die EU, deren Beitrittskandidat Serbien seit Jahresbeginn ist, kritisierte wiederholt scharf, dass die Versammlungsfreiheit der queeren Minderheit in Serbien mangels Polizeischutz nicht gewährleistet sei und somit die Menschenrechte einer ganzen Bevölkerungsgruppe mit Füßen getreten würden. Alle hofften, dass sich im Jahr 2012 nun die Lage ändern würde. Vom 30.09. bis 07.10. sollte der CSD, dessen Parade für den 06.10. angesetzt war, erstmals in ein achttägiges Festival eingebettet werden. Zwischen 2005 und 2008 fand nämlich – damals noch unabhängig vom CSD – jährlich mit dem „Queerbeograd-Festival“, unter Geheimhaltung und in geschlossenen Räumen, eine mehrtägige queere Kultur- und Diskussionsveranstaltung statt, die jedoch 2008 ebenfalls von Rechtsradikalen angegriffen wurde. Doch wie heute bekannt wurde, haben die Behörden den CSD auch in diesem Jahr wieder verboten. Die fadenscheinige Begründung lautet erneut: Sicherheitsbedenken. Der Politiker Dragan Marković, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei „Einiges Serbien“, die Teil der Regierungskoalition ist, teilte dies gegenüber dem TV-Sender „Prva TV“ mit. Marković war bereits im letzten Jahr negativ aufgefallen, als er Homosexuelle öffentlich als „krank“ bezeichnet hatte, wofür ihn ein Gericht damals verurteilte. Sofern sich die Regierung nun nicht doch noch kurzfristig umentscheidet – auf europäischen Druck –, wird es wohl darauf hinaus laufen, dass sich die serbischen Schwulen und Lesben stattdessen nur wieder spontan in Flash Mobs zusammenfinden können, genau wie 2009 und 2011. [Martin Bach]