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Innere Werte kann man nicht ficken...

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(gayBrandenburg - Gesundheit) "Hey, geiler Body!" Im schwulen Partiemilieu ist diese Anrede fast genauso gebräuchlich wie das „Grüß Gott“ in einer Bayerischen Metzgerei. Dabei spielen die Schlüsselreize oberflächlicher, schwuler Sexualität von schlankem Aussehen bis zum muskeldefinierten Oberkörper die wichtigste Rolle. Was auch in erster Linie nicht verwerflich ist – denn schließlich kann man innere Werte nicht ficken. Problematisch wird es dann, wenn jemand mit dem Muskelaufbau mit allerlei Präparaten nicht mehr aufhören kann. 
„Die Zahl der Ratsuchenden, die uns mit verschiedenen Sympthomen dieser Sucht, Dysmorphophobie genannt, aufsuchen steigt seit einiger Zeit“, so Carsten Bock HIV-Berater bei Katte e. V. Problematisch ist vor allem die Finanzierung der Sucht. Viele bieten ihren Körper für Taschengeld in bekannten schwulen Foren an. Für die Freier gilt aber, so unglaublich das klingt: „Wenn er gesund aussieht kann ja nichts passieren.“

Die Spätfolgen sind für die Muskelbepackten nicht mehr ganz so toll. Zum Aufputschen nehmen einige Viagra oder lassen das Kondom weg, nur damit er steht. Die Nebenwirkungen der Sucht reichen dann von unregelmäßigem Herzschlag bis hin zum Schrumpfen der Hoden. Der Sex wird dadurch keineswegs besser.

Dass wir es hier mit einem neuen Aspekt bei der Beratung schwuler Männer zu tun haben, davon ist Carsten Bock überzeugt. Ein TOP - Aussehen war früher ein eher geringes Problem, weil die Schwierigkeit eher darin bestand, einen schwulen Partner überhaupt aufzuspüren. Das Erfüllen mediengenormter „Schlüsselreize“ ist in heutigen Zeiten „verschärften“ Wettbewerbs, bei der eben manch einer meint, sich aus der Masse der Schwulen besonders hervortun zu müssen, zum Problem geworden.

Aus der Beratungspraxis seien hier beispielhaft drei exemplarische Fälle genannt, die zur HIV-Schnelltestberatung des Vereines Katte e.V. in den letzten Monaten Rat suchten. Die Fälle wurden dabei anonymisiert und exemplarisch dargestellt.

Fabian hat das Problem , dass er sich ständig irgendwo im Spiegel betrachten muss, und so ständig selbst das Gefühl hat, sich zu dünn, zu klein, zu schmächtig zu fühlen und das so stark angeknackste Selbstbewusstsein dann mit so therapeutisch gut – wie vielversprechenden Namen wie Dianabol, Decametholon oder Clomifen aufzupolieren. Besonders letzteres ist besonders problematisch, weil eigentlich dazu bestimmt, die Hirnanhangdrüse einer Frau zu bewegen, mehr Hormone für einen Eisprung auszuschütten.
Wenn Sex dann: nicht mehr Gewicht als Körpergröße minus 100 oder noch weniger
Wenn ich Kopfschmerzen habe, nehme ich ja auch einfach eine Tablette – versucht er das Problem selber kleinzureden. Schließlich versucht ja auch jeder 5. Deutsche sein Immunsystem mit Vitaminen aufzupuschen. Warum soll ich da nicht meinen Muskeln nachhelfen, waren seine Eingangsüberlegungen. Dabei waren vor allem die Besuche im Fitness-Studio sein größtes Problem wie er heute weiß. Der ständige Blick auf die besser aussehenden und definierteren Muskeln der anderen Trainingspartner hat ihn verführt. „Kraftsport ist kein Sport sondern eine Lebenseinstellung, die mir Halt gibt“ – bekennt er freimütig. Dabei hat Fabian wohl irgendwann jegliche Selbstkontrolle verloren. So wie  Magersüchtige Frauen sich für zu dick halten, kann er seinen Körper einfach nicht akzeptieren – Das hat schon früh angefangen, schon in der Schule haben sie mich als zu klein und damit zu unwichtig erachtet. So als „schmales Handtuch“ hatte ich dem eben wenig entgegenzusetzen. So hat er sich nun auf die fehlenden Muskeln als vermeintlichen körperlichen Makel konzentriert, bis er trotz muskelbepackten Aussehens jeden Bezug zur Realität verlor. Auch sein letzter Freund hatte Angst vor ihm bekommen und ist ausgezogen, weil er ständig auch in depressive Schübe verfiel. Besonders ärgert er sich dabei über User von Gayromeo, denen er immer wieder erklären muss, dass sein Gewicht nicht Fett sondern eben die schwerer als Fett wiegenden Muskeln sind –weil einige ihn bei dem angegebenen Gewicht als vermeintlich zu dick ablehnten. In letzter Zeit hat sich das etwas gebessert, erzählte er uns. Stand früher oft in den Profilen als Gesucht: nicht mehr Gewicht als Körpergröße minus 100 oder noch weniger, hat sich die Muskelmasse als sexuellen Aspekt bei vielen Schwulen rumgesprochen- so dass die gesuchte Gewichtsangabe vielfach in den  Profilen erweitert wurde mit: „es sei denn definiert“ was dem geneigten Profilbesucher suggeriert – lieber Muskelsuchtkrank als ein Gramm Zuviel – was die Sache für viele anfällige Schwule eher noch verschlimmert.

Rezepte schreibe ich mir einfach selber
Pjotr als der Jüngste sucht noch Ausflüchte für sein Verhalten. Seine Familie die schon immer Hochleistungssport – orientiert war, sei der Grund für den ständigen Drang nach mehr Muskeln.
Pjotr hat für sein junges Alter schon Verschiedenes ausprobiert. Angefangen hat alles in einem Fitnesscenter. Da, so erzählten ihm Bekannte aus der rechten Szene, denen er sich mit 16 angeschlossen hatte, weil er dachte, dass er mit dem Bekenntnis zu den „rechten“ Freunden am Wirksamsten von seiner Homosexualität ablenken könne, da gäbe es Tipps und Hinweise wie er seinem zu der Zeit doch eher als schmächtig bezeichneten Körper am besten „stoffen“ also mit wenig Kraft und Muskeleinsatz letztere zu größtmöglichem Wachstum verhelfen kann. Er bekam dann den Tipp, es zuerst mit Primobolan zu versuchen, dem klassischen Einstiegsmittel der Szene. Als es ihm damit nicht schnell genug ging, wechselte er zu Trenbolon, zu Oxymetholon und zuletzt zu hCG einem weiblichen Hormon, das zur Plazentabildung beiträgt, wenn Frauen schwanger sind. Den Tipp zu letzteren hatte er sich aus diversen Chatrooms und Newsgroups im Internet besorgt. Die Arzneimittel selber anfangs von trainierenden Ärzten als Privatrezept verschreiben lassen. Schon lange hat er eine viel einfachere Bezugsquelle gefunden. Auf den Namen eines bekannten aber schon lange nicht mehr praktizierenden Arztes hat er sich Rezeptblöcke und einen Arztstempel besorgt und schreibt sich nun die Privatrezepte selber. Er erzählte, dass er sich selbst gewundert hat, wie einfach das ging. Einfach Arztstempel oder Arztformulare im Internet gesucht, bei diversen Anbietern Formulare und Stempel bestellt. Die dafür notwendige Arztnummer hat er einfach erfunden. Kein einziger Anbieter hat ihn je danach gefragt. Zusenden lässt er sich alles per Postfach.

Ging er anfangs noch selbst in die Apotheke, war ihm das irgendwann zu mühsam und weckte doch schon das eine oder andere Mal verdacht, weil die Apotheker doch schon mal genauer nachfragen wollten. Einmal war er kurz davor aufzufliegen, weil die Apothekerin in Babelsberg das auf ihn ausgestellte Privatrezept mit den Hormonen einer Frau beim Arzt hinterfragen wollte – nur durch den Hinweis, dass sei eigentlich für sein Pferd zur Leistungssteigerung gedacht, konnte er die Entdeckung gerade noch so abbiegen. Seit dem bestellt er die Sachen lieber bei Onlineapotheken, vorzugsweise in Polen, Tschechien oder Holland. Dies ist nicht nur billiger sondern auch sicherer.

Auch sein Hausarzt hatte schon Verdacht geschöpft, als er sich die unregelmäßigen Herzschläge nicht erklären konnte. Schließlich ist ja bekannt, dass viele „Stoffer“ schon mit 25 an Herzinfarkt sterben können. Seine Hinweise, es doch lieber mit Putenfleisch, Eiweißdrinks und Quark zu versuchen, tat er beleidigt ab. „Ich bin doch nicht im Kindergarten“ war seine Antwort und bestätigte damit seine Vermutung, Ärzte würden eh nur übertreiben und hätten ja keine Ahnung“

Fabian hat für sich andere Vertriebswege entdeckt. Nachdem er erst alles im Internet bestellt hatte und seine letzte Firma aus Österreich verschwand, hat er es mehrfach bei anderen Anbietern versucht – das Problem, viele Versender aus China und Indien stehen mittlerweile auch beim Zoll auf dem Index, so dass dort fast nichts mehr durchkommt und man auch noch ein Ordnungsgeld riskiert, wenn man erwischt wird. So muss man halt auf Versender aus nicht so streng kontrollierenden EU Ländern umsteigen. Großbritannien oder Zypern wären da für ihn erste Wahl.

Stefan hat da etwas mehr Glück, da dienstlich oft im Ausland, kann es sich das im Handgepäck mitbringen. Das wird so gut wie kaum kontrolliert, gesteht er freimütig. Besonders in Ägypten war er darum schon oft. Manchmal bringt er auch noch Freunden etwas mit, denn seit dem neuen Arzneimittelgesetz 2007 ist ja auch der Besitz von Dopingmitteln verboten, was ja wie in jeder Prohibition nicht zum Einbrechen des Marktes sondern nur zur Verteuerung der Ware führt. Die Informationen dazu holt er sich aus der Bibel für alle Anabolika-Freaks: Anabole Steroide, das Schwarze Buch von D. Sinner, erhältlich bei BMS und vielen Fitnesshändlern auch im Internet.

Der eine geht anschaffen, der andere greift seinem Chef schon mal ins Portmmonnaie
Auf die Frage, woher sie das Geld für die Sachen nehmen, geben sie nur ausweichende Antworten. Schließlich kostet manch Monatspackung Hormone bis zu 900 EUR. Letztendlich ist nichts davon legal. Der eine geht nebenbei anschaffen und verkauft seinen Hintern für Geld – unversteuert natürlich , der eine greift als Kellner den Gästen und dem Chef schon mal ab- und zu ins Portemonnaie und der Dritte versucht sich als Kleindealer – schließlich sind die Gewinnspannen größer als bei den Unterschichtendrogen und ihren Dealern – und die Konsumenten sind auch regelmäßig unverdächtiger, versucht er sein Treiben zu entschuldigen.

Zum Problem wurde es für alle drei erst, als zum Schluss die Hoden schrumpften, da sie ja kein Testosteron mehr produzieren. Massive Erektionsstörungen sind die nächste Folge, deshalb sind sie entweder beim Analverkehr nur noch passiv oder schaffen es  nur mit unterstützenden Mitteln wie Viagra, Cialis und Co. Wenn sie es dann überhaupt schaffen ihren eigenen Schwanz zum Stehen zu bringen, dann auf jeden Fall nur ohne Kondom, weil die Gefühls- und Reizschwelle soweit herabgesetzt ist, dass dann nichts mehr geht.

Fabian reagierte auf diese Situation fast professionell. Er setzte die Anabolika ab und nahm, nach den Empfehlungen seiner Internetfreunde nunmehr einen Cocktail aus Vitamin C, Zink und Tamixofen, einem Wirkstoff das eigentlich gegen Brustkrebs entwickelt wurde. Kurz darauf hatten dann auch die Hoden wieder Normalmaß erreicht. Nur die Erektionsstörungen blieben. Besonders hart hat es da Stephan erwischt. Auf Grund des massiven Muskelaufbaus der Oberschenkel haben diese die Nervenbahnen abgequetscht so dass er nun im Bereich der Oberschenkel aber auch der Blasenschließmuskel und der Penismuskeln fast ohne jedes Gefühl ist, und die Nerven sich wohl auch nicht mehr erneuern. Jetzt treibt ihn natürlich die Angst um, inkontinent zu werden. Darauf als Fetisch stehen ja auch wieder einige Schwule, versucht er die Sache im Gespräch noch mit Humor zu tragen.

Nach eigenem Bekunden hat sich das zwar durch seine Eigentherapie aus den Aminosäure Arginin, Johimbin und Avena sativa (sogenannter Echter Hafer – dasselbe Mittel, was man auch bei Bin Laden in Pakistan gefunden hatte) wieder etwas gebessert – und alles rezeptfrei und ohne Betrug zu beziehen – wie er stolz erzählt. Allerdings ist eben nicht mit einer vollständigen Wiederherstellung zu rechnen und das ist für die meisten Schwulen dann doch eine der schlimmsten Strafen überhaupt – obwohl: Wenn ich jetzt mal wieder in den Spiegel schaue – meine Muskeln sind längst nicht mehr so definiert wie früher, beklagt Stephan abschließend.

Studie zum Konsum leistungssteigender Mittel im Alltag und in der Freizeit


kolibribildDie Sucht nach immer mehr Muskeln und damit nicht mehr aufhören zu können ist natürlich nicht nur auf die schwule Szene beschränkt. Wie eine kürzlich veröffentlichte Studie mit dem schönen Namen Kolibri als Abkürzung für Konsum leistungsbeeinflussender Mittel in Alltag und Freizeit des Robert-Koch Instituts ergab, rüsten immer mehr Frauen und auch mehr gut gebildete Mittelschichtler als Unterschichtsjugendliche ihren Körper biochemisch mit Dopingmitteln auf. Erstaunt hat das wohl niemand, schließlich ist seit Jahrzehnten bekannt, dass Mitglieder von Sportvereinen aktiver sind als andere, seltener Krank und auch seltener von Arbeitslosigkeit betroffen- somit also eher der Mittelschicht zugehörend.

Link: http://www.rki.de/DE/Content/GBE/Erhebungen/WeitereEpiStudien/Kolibri/Kolibri__inhalt.html


kolibri.pdf

 

 

 

 

 

Autor: CarBo
Grafik: gayBrandenburg